Kommunismus und Sozialismus in Vietnam

  8 Mai 2015  Vietnam, Vietnam

Bereits bevor ich überhaupt etwas über Vietnam und das politische System dort gelesen hatte, stach mir auf meinem Visum der vollständige Name des Landes in die Augen: „Sozialistische Republik Vietnam“. Es ist kein Geheimnis, dass der kommunistische Norden im April 1975 mit dem Einzug nach Saigon und der Wiedervereinigung Vietnams die Macht im Land übernommen hat. Die spannende Frage ist aber wie sich der Kommunismus und vor allem der Sozialismus heute ausgestaltet.

Abgesehen von Bolivien und Kuba gibt es nur noch im (süd)ostasiatischen Raum wirklich kommunistische Regimes. Nordkorea durchläuft eine Zeit der Abschottung und des internationalen Embargos, die VR China hat sich vom klassischen Sozialismus über den Maoismus in Richtung Dengismus verabschiedet und sich internationalen Investoren geöffnet. Kambodscha und Laos haben zwar noch stark kommunistische Grundsätze in Verfassung und Parlament, aber im Grunde interessiert hier niemanden die politische Staatsform und Korruption regiert das Land.

Um die Situation in Vietnam zu verstehen, muss man sich in wenigen Sätzen mit der Geschichte vertraut machen. Nach französischer Kolonialisierung wird 1945 einseitig von Ho Chi Minh die Unabhängigkeit erklärt. Es folgen der erste Indochinakrieg (1945-1955), der die Teilung des Landes zur Folge hat und der zweite Indochinakrieg (1955 - 1975), der mit der Wiedervereinigung endet, wobei vor allem die Jahre 1964 - 1975 als Vietnamkrieg in die Geschichte eingingen. Zwar war das Land im Jahr 1975 wiedervereinigt und die Nachfolger Ho Chi Minhs, der inzwischen verstorben war, konnten den Kommunismus als siegreiche und somit überlegene Staatsform im Gesetz verankern. Jedoch war das Land größtenteils durch die vielen Giftgaseinsätze verwüstet, die Stadtbevölkerung konnte nicht mehr ernährt werden. International isoliert taumelte das Land einem Absturz entgegen. Nach harten Jahren folgte Ende der 80er Jahre der dritte Indochinakrieg, bei dem (das kommunistische) Vietnam beim (ebenfalls kommunistischen Nachbarn) Kambodscha unter Pol Pot einmarschierte, was beim (eigentlich ebenfalls kommunistischen) großen Bruder im Norden, der VR China solches Unbehagen hervorrief, dass alle Hilfe eingestellt wurde. Das traf das Land nochmal schwer. Erst Mitte der 90er-Jahre konnte man sich endgültig davon erholen, durch eine rigorose Politik der Entspannung und Neutralität.

Dass der marxistisch-leninistische Kommunismus nur auf dem Papier funktionieren kann, dürfte nach fast 170 Jahren wohl jedem klar sein. Trotzdem können die Grundwerte des Sozialismus und des Kommunismus als Gegensatz zum reinen gewinnorientierten Kapitalismus sehr wohl existieren. Und Vietnam ist nach meinen Erfahrungen eines der einzigen Länder, die das hinbekommen haben. Wie ich oben bereits dargestellt habe, gab es nach 1975 nichts mehr, nur unbewohnbares Land und Kriegsschäden, sowie internationale Embargos. Die Herrscher verstanden es damals, vielleicht auch einfach aus der Notlage heraus, Großgrundbesitz zu unterbinden, jedem Menschen ein gleich großes Stück Land zum Bestellen zuzusprechen und somit innerhalb von wenigen Jahren selbstversorgend zu sein. Jeder startete bei nichts und bekam die gleichen Voraussetzungen sich ein Leben aufzubauen, das ist Sozialismus der alten Schule. Und so ist es bis heute. In Hanoi sitzen bis jetzt Ideologen, die den Kommunismus und Sozialismus im Land weiterbringen wollen und nicht nur die eigenen Taschen vollstopfen wollen. So gibt es in Vietnam umfangreiche kostenlose medizinische Versorgung in Form einer Krankenkasse, und kostenlose Bildung mit einer Schulpflicht von mindestens neun Jahren, die so auch durchgesetzt wird. Die Alphabetisierungsrate ist mit über 90% weit besser als in den meisten der ähnlich aufgestellten Länder dieser Erde.

Natürlich hat das System aber auch seine Schattenseiten. Meinungs- und Pressefreiheit ist stark eingeschränkt, da nur die kommunistische Idee unterstützt wird. Es gibt bis heute eine Todesstrafe, die aber nur bei Drogenschmuggel und Korruption verhängt und nicht für politischen Opportunismus. Es gibt alle fünf Jahre auf mehreren Ebenen Wahlen, es werden aber nur vorausgewählte Kandidaten zu den Wahlen zugelassen, man muss aber dafür kein Parteimitglied sein. Das Land wird immer noch von einer Einheitspartei in einem Einkammersystem regiert, mit innerem Machtzirkel. Überzeugte Kommunisten gibt es auf den Straßen kaum, aber jeder kann mit dem System gut leben. Leider ist auch die Judikative nicht unabhängig vom Staat, wodurch der größte Feind, die Korruption, einen großen Auftrieb verspürt.

Die Klammer, die das Land bis heute zusammenhält, heißt Ho Chi Minh. Überall hängen Bilder des asketischen, alten, weisen Ideologen. Der große Coup der Nachkriegsregierung in Vietnam war es, den während dem Krieg verstorbenen Ho Chi Minh nicht zum großen Führer, General oder Parteivorsitzenden zu machen, sondern zum Ideologen, der das Land aus der Krise geführt hat. Das zeigt bis heute vielen Patrioten und Hardlinern, dass die Ideologie, die Weisheit und ein bescheidener und asketischer Lebensstil der richtige Weg sind. Und nicht das endlose Geld.

Die nächsten Jahre werden entscheidend werden für die kommunistische Partei und das System in Vietnam. Nachdem das Land von der Finanzkrise weitgehend verschont blieb fassten viele Menschen wieder Vertrauen in den Antikapitalismus, jedoch drücken internationale Investoren ins Land. Die Landflucht ist enorm, die Städte platzen aus allen Nähten. Reichtum gibt es noch keinen offensichtlichen, die wenigen Reichen geben ihr Geld lieber in den illustren Großstädten Südostasiens aus. Als wir durch das Land gereist sind, wurde mit großem Aufwand der 85. Jahrestag der Parteigründung gefeiert, in wenigen Tagen jährt sich die Staatsgründung zum 40. Mal. 40 Jahre, das war auch das Alter der DDR, als sie auseinanderfiel. Dort war es damals absehbar, in Vietnam ist es das nicht. Oder zumindest noch nicht. Es wird interessant werden!

Dieser Artikel wurde am 16 Juli 2019 innerhalb der Reihe Ostasien 2014 veröffentlicht.

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